Freitag, 17. April

Veröffentlichung von kc vom 19.02.2007 in der Rubrik Zeit. Letzte Änderung am 19.02.2007.

 

Wenn ich mich vor mich stelle und mich frage: "Wer bin ich?", dann stelle ich fest, dass ich das garnicht weiß.
Wenn ich mich betrachte, dann bin ich mir seltsam unvertraut. Meine Gesichtszüge verraten mir nichts und weder kann ich in mich hineinschauen, noch aus den Äußerlichkeiten lesen. Ich bin mir selbst wie ein Buch, dass in einer unbekannten Sprache verfasst wurde. Obwohl ich hier und da von der Form und Farbe des Einbandes auf den Inhalt schließen kann, bleibt mir der Sinn der Zeichen verschlossen.

Ich stehe also vor mir und frage mich: "Wer bist du?" (und höre das Echo der Worte immer wieder und wieder von mir abprallen.) Es scheint fast so, als stünde eine tiefe, unüberwindbare Kluft zwischen mir selbst. Die Brücken darüber habe ich wohl schon vor langer Zeit in Wut und Verzweiflung niedergerissen. Vielleicht gibt es noch eine schmale, morsche Holzbrücke, die mich zu mir führt, aber den Mut, sie zu überqueren, könnte ich nie aufbringen.
Ich gehe Tag für Tag neben mir her und beobachte mich, wie ich versuche, den Tag zu meistern und die Nacht zu genießen und stelle aber nur fest, dass ich mich selbst beim Scheitern begleite. Immer den Tränen nahe (bin ich nicht in der Lage zu weinen) frage ich mich: "War es eigentlich ein schöner Tag, als meine Emotionen gestorben sind?" (und ist es lange her?)

Mein ganzer Fokus gilt der Frage, wer ich bin und daraufhin verliere ich den Blick für das "Woher" und das "Wohin".
Und was noch viel schlimmer ist: ich verliere den Blick für die vielen großen und kleinen Wunder, an denen ich gedankenlos vorbeiziehe in meiner Hast.
Vor vielen Jahren habe ich mir geschworen: "Niemals!" (und "niemals" ist ein Versprechen.)

Warum ist diese Kälte in mir, die mich verzehrt, die mir die Sinne raubt und die Augen verschließt?
ich stehe immernoch vor mir und bin wütend und schlage auf mich ein (und spüre die Schläge als eine Befreiung) während sich meine Kehle zuschnürt.

Vor vielen Jahren fragte ich mich, warum ich mit zweiundzwanzig so blind bin? (why am I so blind at twenty two?
to the hope that is all around me filling up this room)

Jetzt bin ich viel älter und immernoch blind, aber ich habe mir erneut geschworen: "niemals! (wieder)"
Und dieses soll von nun an mein Schibboleth sein.

 

 

 

 

 
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Kommentare zum Text "Never is a promise":

dk
schreibt am
20.02.2007 (01:40 Uhr)

ich glaube gefühle sterben nicht an tagen, sie sterben in den nächten, in ganz vielen. aber da wo sie gestorben sind, findest du sie auch wieder.
schöne idee für einen text. hat mich an eine bestimmte situation meines nahen lebens erinnert, über die ich eben beschloss zu schreiben.
mich persönlich stören die ganzen klammern.
und songtexte (eingeklammert) find ich auch nicht so knorke aber was soll ich gegen fiona apple & mineral sagen - nichts natürlich! liebe grüße dk


 
kc
schreibt am
20.02.2007 (02:00 Uhr)

vermutlich hast du recht, und gefühle sterben wirklich eher in nächten.
aber da wo sie gestorben sind, findet man sie nicht zwangsläufig wieder, da gefühle mit menschen, orten und ereignissen verknüpft sind und diese ziehen weiter bzw. verschwinden mit der zeit.

danke für den kommentar. freut mich, dass du die beiden lieder erkannt hast.


 
dk
schreibt am
20.02.2007 (02:18 Uhr)

gefühle sind lediglich verknüpft mit menschen, orten und ereignissen, 'gestorben' jedoch sind sie in dir aber auch in dir weilen sie doch, wieder zum leben erweckt zu werden, vielleicht erneut durch menschen, orte, ereignisse...ein teil zieht immer mit den menschen, die gehen, ich weiß - aber es bleibt ein kern, den darfst und ich glaube, den kannst du gar nicht verlieren.
freue mich, dass dir die songs offensichtlich was bedeuten, denn sie gehören defnitiv zu der fülle der großartigsten je gehörten. gute nacht.


 
ja
schreibt am
20.02.2007 (09:56 Uhr)
für immer und niemals

das ist ein ganz geschickter Text: gedankengetragen, aber nicht vorgedacht. Es bleibt genug Raum, um mitdenken zu können. Aus den Kommentaren schließe ich, dass es sich um eine Übersetzung/Übertragung handelt. Die Klammern stören mich auch. Hier kann man, wenn man browswertechnisch der Seite Vertrauen schenkt, per Java-Script Schrägschrift einsetzen. Das käme ganz gut hier. Und gewählt gesetzte Zeilenumbrüche bei den Zitaten.
Ich finde das "Schibboleth" am Ende eine wenig frech. Nur weil es Wikipedia gibt, muss man nicht alle dahinschicken. Ich verdrehe dann immer die Augen und schlage nach. Das muss aber nicht sein. Auch "Fokus" ist ein grober Anglizismus, der rausreißt.
Gruß
Manfred


 
kc
schreibt am
20.02.2007 (10:07 Uhr)

hallo ja.
danke für den kommentar.
der text selbst ist keine übersetzung. lediglich die stelle "niemals ist ein versprechen" ist wie der titel schon sagt fiona apples großartige schöpfung und der vorletzte absatz stammt aus dem lied &serenading von mineral.

die stellen in den klammern halte ich für sehr wichtig, da sie durch die einklammerung eine andere bedeutungsebene haben. es sind gedanken bzw. flüsternde worte, die ich an mich selbst richte und entsprechen tatsächlich der art, wie ich rede, wenn ich alleine bin.

schibboleth ist frech, ja, da magst du recht haben. es ist eins meiner lieblingswörter, da es hebräischen ursprungs ist und sehr dominant. mit einer deutschen übersetzung wie "merkmal" funktioniert das ganze in meinen augen nicht.

@dk:

ich hoffe, da hast du auch recht, und der kern ist noch irgendwo in mir drin und wartet darauf, wieder erweckt zu werden.


 
dk
schreibt am
21.02.2007 (00:05 Uhr)

schau mal was ich gefunden habe :)
http://www.papyros.org/bs/der-harte-kern.html


 
kc
schreibt am
21.02.2007 (00:30 Uhr)

wenn ich soweit bin, habe ichs glaub ich geschafft.


 
dk
schreibt am
21.02.2007 (08:52 Uhr)

wenn das mal nicht ein trugschluss ist...

ja, ich glaube ich würde die klammern ganz weglassen und das geflüsterte hellgrau formatieren. der text in den klammern spielt auf unterschiedlichen ebenen, das machts so wuselig. und ums zu perfektionieren: > gar nicht wird gar nicht zusammen geschrieben > füllwörter rausnehmen [wird sonst immer nur mir gesagt :)] > 3. absatz v. unten "Ich" groß > schibboleth ist doch ein sprachliches merkmal, das herkunft preisgibt, wenn ich nicht täusche; also schlicht ein dialekt, wie man etwas spricht...deshalb ist es nicht nur frech, ich bin mir unsicher, ob es überhaupt passt.


 
kc
schreibt am
21.02.2007 (09:21 Uhr)

ich werds nicht editieren. nicht weil ich eurem urteil nicht traue - ihr habt in vielen punkten sicherlich recht - sondern weil ich denke, dass ein text in seiner rohform viel mehr über den autor sagt, als wenn er perfektioniert ist.

nochmal @ja: fokus ist kein deutsches wort, da hast du recht, aber es ist auch kein anglizismus, dann hieße es focus.

@dk: traue nicht wikipedia, traue mir ;)
schibboleth ist nicht alleine ein begriff aus linguistik. er wird seit ewigen zeiten auch in anderen bedeutungszusammenhängen als merkmal einer bestimmten gruppe/person benutzt. (Der Fortschritt der psychoanalytischen Arbeit hat diese Bedeutung des Ödipuskomplexes immer schärfer gezeichnet; seine Annerkennung ist das Schibboleth geworden, welches die Anhänger der Psychoanalyse von ihren Gegnern scheidet." - Freud, Sigmund. Die Umgestaltung der Pubertät, 1920)


 
dk
schreibt am
21.02.2007 (13:02 Uhr)

freud traue ich nicht über den weg, aber mir solls gleich sein. lg dk


 
ja
schreibt am
21.02.2007 (13:19 Uhr)

Der Siggi, der ist - wissenschaftlich gesehen - vielleicht überholt (zumal seine Erkenntnisse stark verfremdet, überbewertet, verbreitet werden); aber schreiben konnte er. Und was von sich erzählen. Bin ein großer Fan. Immer zitierwürdig!
Psycho-Manne


 
dk
schreibt am
21.02.2007 (13:33 Uhr)

zum guten sigismund kann ich nur sagen: wer es sich mit c.g. jung verscherzt, muss ne ziemiche knalltüte sein.


 
ja
schreibt am
21.02.2007 (14:15 Uhr)
James T. Kirk in Star Trek V

Jung is ne Knalltüte; so rum isses!
Wikipedia ist in der Tat problematisch; und natürlich behalte ich weiterhin recht, sonst hätte ich ja "englisch" gesagt und nicht "anglizistisch". Bin halt großer Anhänger des puren, gepflegten Deutsches. (Die Deutschen sind ein bisschen komisch, aber das gehört nicht hierher.) Ich spüre bei so etwas immer Sprachflucht, so nenne ich das mal. Und das schwächelt dann stilistisch. Mein Ding.
Ironisch, dass "Fokus" ein gutes Bild abgibt hier, das mit einem deutschen Wort nicht adäquat einzufangen ist.
Da du den Text nicht weiter bearbeiten möchtest ("editieren", nana!), was mich irritiert, auch ein wenig enttäuscht, beziehe ich mich im Weiteren auf den Inhalt.
Schön dargestellt finde ich, dass die ewige Frage nach der eigenen Identität ("Einheit"?) ablenkt von der Möglichkeit schlicht zu wählen, wer wir sind. Ganz unanalytisch.
Gefühle kommen nicht wieder, erst recht nicht dort, wo man sie verlor; sind se weg, sind se weg. Bloß nicht nachtrauern.
Ist übrigens gerade der Ödipuskomplex, der Freud und Jung auseinandertrieb. So Vater-Sohn-mäßig, aber auch Freuds Trieblehre. Eigentlich sind beide schräge Vögel gewesen.


 
kc
schreibt am
21.02.2007 (16:46 Uhr)

legt euch nicht mit einem freudianer an... (wie meine professorin damals zu sagen pflegte)

freud hat im historischen kontext seine platz und der steht fest wie ein fels. ohne freud überhaupt keine analytische psychologie. vieles was wir über unsere triebe wissen leitet sich in erster linie direkt auf freud ab und die psychologie wäre ohne sein werk ein ganzes stück ärmer.
am interessantesten sind übrigens die am wenigsten gelesenen arbeiten freuds, über den witz z. b. oder über die religion.

und menschen wie c.g. jung oder anna freud hätten ihre bedeutung ohne freud sicher auch nicht in dem maße gehabt. aber wir schweifen ab.

ich danke euch jedenfalls dafür, dass ihr euch mit meinem text auseinandersetzt. das bedeutet mir viel, da er nicht fiktiv ist, sondern mich beschreibt, so wie ich im moment bin.
daher will ich ihn auch nicht überarbeiten (editieren), da er dann nicht mehr mir entspräche.

gruß, kc.


 
n°
schreibt am
21.02.2007 (21:37 Uhr)

Nun mal von einer ganz anderen Sichtweise:

Ich könnte den Text selbst geschrieben haben, mich die selben Fragen fragen. Ich glaube sogar ein paar Antworten gefunden zu haben.

Ich habe auch Angst, dass meine Gefühle sterben. Eigentlich muss ich sogar mit Erschrecken feststellen, dass viele Gefühle (darunter Wut, Hass... aber auch Liebe & Lust) irgendwie von mir Abstand genommen haben.

Sich selbst wieder umzukrempeln, Schritt für Schritt - das ist die Schwierigkeit. Aber es klappt! Zuweilen ziemlich gut, mit Hilfe von ein paar Leitfäden, lassen sich diese tollen Gefühle und Ideen wie Marihuana anbauen. Man darf nur nicht vergessen, dass es seine Zeit braucht, bis die Frucht reif ist.


 
dk
schreibt am
21.02.2007 (21:57 Uhr)

nach vielen schmerzen, vielen trennungen und noch mehr tränen komme ich auf sieben jahre 'zeit des umkrempelns'. man muss wissen, wie man nicht werden möchte/im idealfall wie man werden möchte, braucht massig geduld, disziplin, selbstliebe und gute leute.
man geht durch viel zu intensive zeiten dann durch scheinbar gefühlstote zeiten, die so quälen dass man sich die komplett bekloppten, irren intensiven zeiten wieder wünscht. dann will man einen mittelweg, den sucht man glaube ich am längsten, um sich in einem komischen mittelding zu verfangen, das mal einen hang zur rationalität oder emotionalität hat...so lässt sich das dann sehr gut und sehr gechillt leben.


 
dk
schreibt am
21.02.2007 (21:59 Uhr)

...aber was erzähle ich euch...


 
n°
schreibt am
21.02.2007 (22:30 Uhr)
mir fallen da...

... so schöne buddhistische sprüche ein:

arm ist nicht wer wenig hat,
sondern wer viel bedarf.

oder:

was auch immer man an begierden wegräumt,
der entstehende raum wird immer vom glück ausgefüllt.

oder:

wer in einem loch sitz,
sollte zuerst mit dem graben aufhören.


 

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