Samstag, 30. August

Veröffentlichung von K vom 08.10.2003 in der Rubrik Freundschaft.

 

die wunde

kein mensch, nirgends.
hätte ich warten sollen?
ohne zigarette scheint mir warten tödlich. ich gehe. blätter fallen vom himmel, auf denen mit unschöner, doch gerade noch lesbarer schrift irgendetwas geschrieben steht. ich hätte es mir merken sollen.

es wird kühl.
wenig später beginne ich zu frieren. oktober. vom sogenannten „goldenen herbst“ kann keine rede sein. ich sehe schwarz, die nacht kommt früh, ich gehe weiter. inmitten eines hustenanfalls fällt mir ein stein vom herzen. nein, ich träume nicht. schnitt.

unten, im schacht.
ein kleiner junge sitzt auf einer bank und wartet. er wartet auf die u-bahn, die ihn, mitsamt seiner, auf seinen knien befindlichen, soeben auf dem markt erworbenen und nicht mehr ganz so frischen klassikschallplatte, in die außenbezirke befördern wird.

oben ist sommer.
der kleine junge trägt kurze hosen und so passiert es, daß ich, während der kleine junge und ich mit ihm, wir also, eine unsichtbare und stille freude über seine neuerwerbung(vielleicht die erste und einzige und einzig wahre in seinem leben) empfinden, an seinem, mir zugewandten, rechten bein, eine wunde bemerke, wie ich sie vorher, so noch nie gesehen habe.

plötzlich gilt meine ganze aufmerksamkeit nur noch dieser wunde, die, ohne das sie vor äußeren, schädigenden einflüssen einigermaßen geschützt wäre, ich spreche von bandagierung oder ähnlichen methoden, offen getragen wird.

eine zirka 20 zentimeter lange und an ihrer offensten stelle etwa 3 zentimeter breite und ich kann sagen, unendlich tiefe und schwarze, hautlose schlucht, zieht mich in ihren bann. wie ein zentrum, ein punctum, wie ein schwarzes loch, bereit mich aufzunehmen, mich zu verschlingen. kein licht. es scheint, als könne man sich in ihrem schwarz verlieren. schnitt.

ich verlor.
mein bewußtsein. ich hatte geträumt. ich atme tief und spüre etwas schweres. es muß ein stein sein, vermuten die ärzte, die, wie ich soeben bemerke, mit messer und gabel bestückt versuchen, mir die brust zu öffnen. schnitt.

 
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Schnitt   Wunde   Junge  Bemerke Soeben Schwarz  
 

Kommentare zum Text "Die wunde":

lukychrissy
schreibt am
08.10.2003 (17:32 Uhr)

der sinn dieses textes ist ziemlich gut getroffen und ich finde die geschichte gut aber der stil sollte vielleicht durchgängiger sein.also entweder nur kurze knappe sätze oder ein flüssiger stil...


 
n°
schreibt am
08.10.2003 (21:45 Uhr)

hm also ich finde auch, dass die geschichte eine packt...ich weiss nicht was ich sagen soll... die art, wie du es geschrieben hat eigentlich ganz gut - bis auf ein paar ungereimtheiten. aber ich sitze hier auf meinem handtuch und ich finde keine ruh - jedenfalls freue ich mich darüber hin und wieder solche texte hier zu finden - weiter so... dann denk ich an diese insel...


 
dp
schreibt am
17.07.2006 (11:05 Uhr)

mir gefällt der text gut. spiegelt eine alltägliche situation wieder.
besonders gefallen mir die wortspiele, z.B. mit dem Wort "Schnitt".

Schade das wir solange nichts mehr von dir gehört haben.


 
ßi
schreibt am
04.03.2007 (17:04 Uhr)

sehr geiler text!! weiß garnicht, wie ich jetzt drauf gestoßen bin (jedanfalls nich die "zufallsfunktion")

ja, gerade die wortspiele, die ästhetischen konstruktionen (zb "schnitt") mag ich sehr. der inhalt sagt mir auch gerade zu. aus persönlichen grunde: den linken arm im gibs. würd sie manchmal auch gern offen tragen, die wunde. (auf all den verschiedenen ebenen in all ihrer hier angedeuteten allegorie)

muss nochmal schaun, wie ich eins meiner matches hier direkt drauf verlinken kann.

sei gegrüßt, anonymer "K"!


 
ßi
schreibt am
04.03.2007 (17:14 Uhr)

ah, jetzt weiß ich, wie ichs gefunden hab!!
über die matches!!! wie geil!


 

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