Ein Tag in der KollegstufeIch denke einmal, die Klasse hat sich, trotz der vielen Beschwerden, die man des öfteren hören konnte, über die Lehrer, den Stoff und die Streber, recht wohl gefühlt, als sie Platz genommen hatte, und der Lehrer das Klassenzimmer betrat. Ich saß in der letzten Reihe. Der Lehrer saugt die Klasse mit Blicken in sich auf - mich auch. Die Klasse wird gelehrt, geformt, geschult. Ich nicht. Der Tanz der Gedanken in diesem Raum ist nicht für mich gedacht. Nur ahnen kann ich seinen Takt und seine Töne. Sie leben, ich sterbe. „Ich denke nicht...“ - „...sie denken...“; „Er zieht es also vor zu sterben...“, das höre ich und male etwas in mein Heft - ich will nicht sterben. Die Einsamkeit in einem vollen Raum ist so anstrengend wie Sitzen auf einer langen Autofahrt. Wohin fährt der Lehrer? Mit der Klasse fährt er schnell, mit mir nur ganz langsam. Den Gurt meines Kindersitzes hat er so eng geschnallt, dass es mich erdrückt. Ich liebe die Klasse. Die Klasse hasst mich. Ich habe die Klasse geliebt - sie hat mich schon längst aufgegeben. So flüstern sie hämisch: „Ja, ja, das stimmt!“, als der Lehrer auf mich einschreit: „Du fauler Hund!“ Es gibt keinen Rohrstock mehr, doch gibt es Verachtung. Keine Liebe mehr, nur Sehnsucht; kein Vertrauen mehr, nur Hinterlist.
Nun geht der Lehrer wieder aus dem Klassenzimmer. Er hat die Klasse aufgeladen mit bitterstem, ätzenden Gift, das die Klasse, von letzter Kontrolle des Lehrers verlassen, nun in kreischender Überdrehtheit in meine Augen spritzt. Von dort gelangt es in meine Seele, wo es den Bach der Kindheit mit den Fröschen und den lieblich duftenden Sträuchern an seinen Ufern zerstört und ausradiert, bis nur eine einzige blaue Blume, kalt und einsam, umgeben von schwarzem Nichts übrigbleibt. Sie ist unendlich und kalt. Von ihr weiß die Klasse nichts, obwohl sie und der Lehrer ihre Gärtner sind. „Vergiss nicht zu tanzen!“ Sagt die Blume zu mir, und wir tanzen in endloser Nacht. |