WüstenkindDie Wände in meinem Zimmer haben Löcher, so spaziert allerlei Ungeziefer lärmend hindurch. In der Kindheit aßen wir zum Spaß Käfer, steckten kleine Kröten in die Mäuler größerer Kröten und die Sonne stand viel höher und war am abend röter als die unzähligen Hagebutten, die wir uns als Juckpulver in den Rücken rieben. Ich telefoniere, bis auf wenige Stunden, in denen ich im Schlaf Zuflucht finde, ununterbrochen. Das Leben - ja genau, der Umstand, dass wir am Leben sind - es hat so unendlich viel Bedeutung. Unbegrenzt ist die Wirklichkeit - der Raum, in dem wir alle wirken - unendlich viel wirken. Oft scheint es mir, als hätte ich die Kriebelkrankheit. Mich wundert das nicht bei dem, was ich zu essen bekomme. Gedankliches Gift im goldenen Zeitalter - Ironie? Nein, nur Vollständigkeit. Tag ein Tag aus Fahrstuhl fahren, in Dimensionen, himmlischen Sphären, flammenden Höllen.
Wie gesagt, mein Zimmer steht offen, doch komme ich hier nie raus, aus diesem engen Kasten. Mir schnürt es die Luft zum Atmen zeitweise gar ab. Aber ich sterbe schon nicht. Nur ein wenig kränklich bin ich halt und keinen Fernseher habe ich. Ich bin alles, alles was mich umgibt - gilt das auch umgekehrt? Selten stelle ich noch eine Frage, wird mir doch alles erdrückenst erklärt und das ist es, was die eigentliche Frage aufwirft. Klein wie ein Millimeter fühle ich mich manchmal. Aus gedanklichen Rinnsalen werden nicht selten reißende Ströme. Man sieht es mir nicht unbedingt an, doch bin ich ein vielbeschäftigter Mann, auf Grund des vielen Telefonierens. So bin ich aufs dichteste umgeben von allerlei Menschen, wie von einem Platzregen und trotzdem: Einsam schaufle ich mein viel zu enges Grab. Der Nachbar über mir? Ein Autofahrer, vielleicht sogar Busfahrer, aber ich kann das bei Leibe nicht überblicken. Wie sich das wohl anfühlt, wenn es nie ein Ende gibt? Ach, ich alter Dummkopf aber auch! Ich weiß es doch: Scheint schmerzender Kampf zu sein. Oder etwa nicht? Mein Nachbar jedoch, Seemann unter anderem, ist viel herumgekommen; er dürfte sich einen Begriff davon gemacht haben. Leider bekomme ich ihn nie direkt zu sehen, nur sein grell-freudiges Hupen, ja sein geradezu ständiges Hupen beim Wegfahren gleißt in mich hinein und bis ins Knochenmark. Ob ich durch das ständige Telefonieren wohl schon Schulden habe? Aber auch darauf hat man mir die Antwort gleichsam injiziert: Ja, ja und nochmals ja! Immense Schulden. Schuldenberge. Und ja, ich fühle mich auch dementsprechend, wie von Tonnen zusammengedrückt, schuldig. Das dürfte man mir, anhand meines Gesichtsausdrucks, wie ich übermäßig stark hoffe, endlich auch einmal ansehen. Doch wie es der Fall sein kann, dass mir die Schuld jemand ansieht, ist es der unglücklicherweise viel sicherere Fall, dass keiner auch nur die kleinste Reaktion darauf zeigt. Viele bieten zwar ihre scheinbare Hilfe an, doch das alles läuft nur darauf hinaus, mir meinen eh schon ach so großen Schuldenberg, immer noch mehr und mehr zu vergrößern. Zu spät habe ich das erkannt, und so rauscht der entfesselte Fahrstuhl tiefer und tiefer hinab; ich bin der Versuche ihn zu bremsen müde geworden. Das große Pech, dass ich hatte, war in der Wüste geboren zu sein. |