Tankstelle
Ich war im Orangenen. In einer Glut. Geradezu von Sonnenlicht gebadet strotzend war dieser eher rötliche Ton. Ich meinte das Knistern eines einsamen Baumes in der Hitze zu hören. In jener Tankstelle arbeitete ich. Vielmehr, ich hing am Galgen. So brachte man mir Silber und auch etwas Gold. Und die Brüder, die zu meiner Rettung kamen, umhing die selbe Glut.
Ich hörte Musik. Ich las ein Buch. Und immer musste ich, wenn ich dabei eine Gänsehaut auf der Stirn und unter dem Haupthaar bekam, an eine Pharaonenkrone denken, die ich scheinbar stets trug aber nur in wichtigen Momenten spürte.
Einmal kam ein Bekannter, den ich selten sah und zu dem ich nicht gerade das entwickelt hatte, was man eine innige Freundschaft nennt. Mit einem zweifelnden Lächeln musterte er mich und begann einen hintersinnigen Schwatz. Ich lenkte das Gespräch auf das alte Ägypten und dessen Pharaonen. Gottesgleiche Königsherrscher. Von meinen Anflügen von Ergriffenheit, wenn ich bestimmte Zeilen hörte oder las, erzählte ich ihm natürlich nichts. Nahezu jeder kann mit seiner Schwermut, die er in Liedern oder Literatur widergespiegelt sieht, prahlen oder sich im Mindesten stark identifizieren. Nur die wenigsten verstehen es dagegen äußerste Ergriffenheit in Form von Übermut, die sie aus dem Walkman oder einem Bündel Papier ziehen, so nach außen zu tragen, dass sie nicht ertappt werden und nicht zu erkennen ist, was ihre Quelle ist.
„Man, es gab mal Menschen auf der Erde, die man als Götter ansah, verehrte und denen man als Sklave diente.“
„Diktatoren...“ Oberflächlichstes Denken und Interesse wurde von meinem Bekannten entgegengebracht.
„Nein, ich glaube man hat den Pharaonen aus religiöser Überzeugung und Dankbarkeit gedient, schließlich waren sie Götter. Kannst du dir sowas vorstellen?“
„Hm. Naja. Na und?“
Meine Augen wichen dem starren, läppischen Blick meines Bekannten aus. Ich schaute auf das sonnengeflutete Orange unseres Tankstellendachs und der Zapfsäulen. Ein Bild, Dämmerung in der ägyptischen Wüste, durchblitzte mich.
„Du sitzt hier also herum und denkst über Pharaonen nach? Was liest du denn da?“
„Steinbeck.“ – „Was über Ägypten?“
Mit einem lächelnden Seufzer verneinte ich und machte einen Scherz über mein langsames Vorankommen mit dem Buch.
„Nun, im Prinzip bin ich hier ja auch so etwas wie ein Sklave – von dem Tankstellenbesitzer; bekomme mein Geld statt göttlichem Segen. Es fehlt mir nur ganz und gar die Überzeugung, dass der Besitzer Abkömmling eines Gottesgeschlechts ist!“
Wir lächelten uns an.
„Aber Hauptsache, du bekommst dein Geld!“
„Eben!“
Mein Bekannter ging. Ich baumelte wieder am Galgen. Silber und Gold. Und draußen kratschte das Orange im Irrwitz der sonnigen Strahlen. Durch die Ohren flutschen rasch die Lieder. Mühsam isst sich das Auge durch altes Papier. Ein guter Freund näherte sich und er öffnete die Tür. Ihn umhing das selbe Feuer von Sonne und Orange.
„Wie läuft die Arbeit?“ Fragte er schrill und freundlich.
Ich berichtete von einigen kleinen Ereignissen, die an diesem Tag stattgefunden hatten, wie sich die Kunden gaben oder wie meditativ in all seiner Langeweile das Einräumen von Zigarettenschachteln ist, schließlich erzählte ich von unserem Bekannten und der Unterhaltung, die wir geführt hatten.
„Und wie kommst du auf so ein Thema? Langeweile?“
„Klar, die habe ich immer!“
Das war leicht gelogen von mir. Eigentlich war ich den ganzen Tag schon in einem intensiven, schönen Tagtraum gefangen.
„Vielleicht ist es auch das helle Licht heute oder der Anstrich der Tankstelle.“ Log ich weiter, denn beides war nur passend zu meiner Träumerei.
„Aber wahrscheinlich hab ich’s aus dem Fernsehen aufgeschnappt.“
Damit gab sich mein Freund zufrieden. Wir verabredeten uns kurz noch, uns nach meiner Arbeit zu treffen, dann ging er.
Es war kurz vor Feierabend, als ein Stadtbekannter flink in den Tankstellenladen hereingetappelt kam. Er sagte seinen, tief in die Gehirnwindungen eingekerbten, Spruch, dass es ohne Gott keine Arbeit gäbe. Um ihn nicht durcheinander zu bringen, verzichtete ich auf ein tiefgehenderes Gespräch und pflichtete ihm bei.
Ich baumelte am Galgen. Die Sonne ging unter, die Glut verlosch. Ich zählte das Silber und das Gold. Und der hitzegeladene Baum knistert weiter, bald wird er abgekühlt sein und ich werde meinen Freund treffen, doch stets hänge ich am Galgen.
Illustration von Robby Rob und den Robben
http://www.papyros.org/cs/unbeholfen-lachen-wir-dem-tod-entgegen.html