Reise nach Weimar
Herabgefallen aus Höhen, die wir stöhnend erklommen, befanden wir uns zum Festmahl geladen in einer anderen Stadt. Nein, es war nicht die weite Reise, die wie ich es empfand, sehr beschwerlich war, die ich meine. Ich meine ein anderes Fallen. Eine Form von beschwerlicher Rückschau. So kam es mir hier in der anderen Stadt, nein, genauer gesagt schon während der Reise, so vor als würde ich in alte Pfade eingesaugt. Als krabbelte ich zurück und fortwährend im Kreis. Meine Gefühle waren derart verengt und mein Denken zwar klar, doch nicht Freude bringend. Im Auto kam es mir so vor als würde ich erdrückt werden. Was ja einerseits auch stimmte, waren wir doch zu fünft im Auto und ich einer der drei, die auf den Rücksitzen saßen. Mein Thema in meiner Heimatstadt war klar auszumachen gewesen: Liebe und Sehnsucht. Doch schon während der Autofahrt spürte ich das, was tatsächlich vorherrschte – eine stundenlange, pausenlose Enge – auch im Geiste. Nicht mal über die Musik, die im Radio lief und mir die Ohren bluten ließ, konnte ich schmunzeln, nein, es war regelrecht gespürter Schmerz. Als wir am Ziel angelangt waren, spürten ich und mein Freund, so denke ich darf ich für ihn mitsprechen, ein starkes Gefühl von Befreiung. Er bezahlte unsere Mitfahrgelegenheit, fragte mich in bestimmender Form, „Wir legen zusammen?“ In Wirklichkeit eine kleine Täuschung, ich war nämlich komplett pleite. Wir konnten endlich wieder reden wie wir wollten und das taten wir auch. Wir lachten und liefen die Straße munter hinauf. Fast hätten wir den Weg zum Bahnhof, unseren Treffpunkt, nicht gefunden, hätten uns verlaufen, weil wir einfach immer geradeaus gingen, froh die Beine bewegen zu können und uns nicht so aufgesetzt unterhalten oder schweigen zu müssen. Was im Auto nicht ging, ging jetzt. Berthold wartete bereits in der Kälte auf uns am Bahnhof. Wir begrüßten uns herzlich. „Sigmund!“, und an mich gerichtet fast schon bewundernd und fragend, „Der Dunkeltaler!“ Mich redet er also beim Nachnahmen an, wie früher, wie schön. „Schaut euch nur um“, Berthold zeigte über den vernebelten Bahnhofsvorplatz, „wie in Moskau!“ - „Erlkönigwetter!“, sagte ich. Jetzt waren wir in Weimar. Zuhause hatte ich meine Schwingen flugbereit ausgebreitet. Zuhause hatte ich Serpentinen beschritten, beschwerlich, doch ich war mir meines Ziels bewusst. Nichts sollte mich mehr schrecken, nicht der Grimm der Nacht, nicht Menschen wie sie nunmal sind, nicht die Ferne, nicht die Zeit. Zuhause bin ich jetzt aber nicht! In Weimar fehlte etwas unglaublich. War es die Reise? War es die Kälte? Der Wind oder Nebel? Nein, mir fehlte wirklich etwas Bedeutsames. Mir fiel es nur schleichend auf. Langsam drängte es durch in das Bewusste der Psyche. Es war ähnlich wie bei einem Kind, das sein Lieblingsspielzeug vermisst. Nun gut, ich heulte und schrie zwar nicht, aber rückblickend wäre es doch durchaus eine angemessene Reaktion auf dieses Missgefühl gewesen. Aber was genau fehlte da? Ich konnte es nicht benennen, konnte es dadurch auch nicht Rückgängig machen, diesen – ja – Verlust. Ich ging in mich, in diese Leere. Gedanken und Gefühle fehlten! Aber welche und warum? Es war ein Vermissen solchen Ausmaßes, dass sogar das, was vermisst wurde, unkenntlich wurde. |