Professor Klopstock und das Kogitat-Experiment
I
Erstmal zündete er sich seine Pfeife an. Professor Klopstock war gerade in seinen grün-grauen Ohrensessel im Arbeitszimmer geradezu gefallen. Auch war er gerade erst von einer langen Vortragsreise zurückgekehrt mit noch längeren Vorträgen über Geraden, die sich nie oder besser gesagt in der Unendlichkeit schnitten. Diese Geraden erhielten von ihm den Namen „Klopstock’sche Geraden“. Damit wollte er mit seinem Kollegen Professor Mat gleichziehen, der, nach eingehenden Studien und Experimenten über die Wirkung von Wasser auf verschiedenste Materialien, die Mat’sche Pampe entdeckte. Die Idee mit den Geraden kam Professor Klopstock nach der Lektüre eines Aufsatzes von Professor Rut über dessen Rut’sche Ebene oder kurz: Die Rut’sche.
Professor Klopstock, der von sich selber wusste, dass er ein Genie war, erkannte schnell das nun vor ihm liegende Problem: Die Pfeife, die bereits lichterloh brannte, hatte er mit einem Schmerzensschrei geschickt auf den Boden fallen lassen. Da lag nun das Problem, auf dem der Professor mit einem Geniestreich Schlimmeres abwendend wie wild darauf herumtrampelte. Das dadurch entstandene Brandloch in dem gemütlichen beige-grauen Teppichboden würde er später mit einem seiner zahlreichen alten grauen Jacketts zunähen. Jetzt aber war es an der Zeit ein Resümee zu ziehen. Nachdem er es gezogen hatte, verschwand er in sein Badezimmer, um sich frisch zu machen.
Nach dem Föhnen seines Haares und seines Vollbartes, pflegte er letzteren gründlich, indem er die wenigen übrig gebliebenen farbigen Haare gekonnt auszupfte, so dass der Bart wieder herrlich weiß-grau aussah. Plötzlich ging die Türschelle. „Post aus der Zukunft!“ Hörte Klopstock beim Öffnen der Tür. Es war der obligatorische Scherz seines alten Schulfreundes, Dr. Petryvitsch. „Herein mit dir, Wischlappen (so nannte Klopstock Petryvitsch scherzhaft)!“, kam sofort die Antwort.
Professor Klopstock und Dr. Petryvitsch hatten es sich im Arbeitszimmer gemütlich gemacht, tranken schwarzen Kaffee, pappsüßen Tee, uralten Wein und rauchten nach Kräften die von Dr. Petryvitsch mitgebrachten stark aromatischen Zigarren. Petryvitsch war auch bald das kürzlich entstandene Brandloch aufgefallen: „Hast du dir wieder eine Pfeife angezündet?“ – „Ja und zwar eine recht teure.“ Gestand Klopstock mit einem zweifelnden Blick auf den Brandfleck. „Was mich aber wundert ist folgender Sachverhalt: Den verkokelten Pfeifeklumpen, den ich beim Zertrampeln des Feuers unter meinen brandfesten Stiefeln noch gespürt habe, habe ich liegenlassen. Ich bin danach im Badezimmer verschwunden, um mich frisch zu machen – jetzt aber ist der verkokelte Klumpen weg!“ Klopstock warf nun einen misstrauischen Blick auf Petryvitsch, der sich sogleich von falschem Verdacht freimachen wollte und beteuerte: „Ich hab ihn nicht weggetan! Es gibt meiner Meinung nach auch nur eine zutreffende Erklärung für dieses Paradoxon: Du hast den verkokelten Pfeifeklumpen noch unter deinen Stiefeln gespürt,“ rekonstruierte Dr. Petryvitsch den Vorgang, „dann bist du ins Badezimmer verschwunden – hast du den verkokelten Klumpen nach dem Zertrampeln des Feuers noch einmal gesehen?“ – „Nein. Ich habe nur das Brandloch gesehen und mir überlegt wie ich es wohl am besten kaschieren könnte. Mir ist dann die Idee gekommen, es mit einem alten grauen Jackett zuzunähen.“ – „Klopstock, du bist ein Genie! Nun aber zurück zum Paradoxon: Wenn du den Klumpen zuletzt gespürt hast und wenn du ihn danach nicht mehr gesehen hast, und ich ihn ebenfalls nicht weggetan habe, dann gibt es nur eine zutreffende Erklärung, meiner Meinung nach...“ Petryvitsch musterte Klopstock eine Weile lang, bevor er seine Hände dramatisch in die Höhe hob und dann erst schrie: „Aber halt!“ Um dann, während er Klopstock breit grinsend ansah, gemäßigter fortzufahren: „Klopstock, Klopstock... Das wir darauf nicht vorher gekommen sind! Deine Stiefel – weißt du nicht mehr, das Kogitat-Experiment?“
Klopstock hatte sich mehrmals an den Kopf gelangt, gekichert und gesäuselt: „Ach, ja! Na, Klar! Wie konnte ich das nur vergessen?“ Bevor er voller Bestimmung sagte: „Zeit zu handeln!“
II
Das alte, graue Auto, in dem Professor Klopstock und Dr. Petryvitsch saßen, fuhr mit der gleichen gehetzten Geschwindigkeit mit der die beiden vom Haus des Professors aufgebrochen waren. Es dämmerte bereits, so wie es den beiden gedämmert hatte, dass Eile geboten war. „Zeit zu handeln!“ Traf es wohl am besten. Es war die letzte Äußerung von Klopstock gewesen und auch Petryvitsch hatte seither nichts mehr gesagt. Beide waren stumm und angestrengt nachdenklich. Sie sahen bereits die Lichter des großen Flughafens in der Dunkelheit, als Klopstock Petryvitsch befahl schneller zu fahren: „Wir müssen den nächsten Flug nach Moskau nehmen – noch eine dreiviertel Stunde!“
In der Wartehalle des Flughafens hatte Petryvitsch gerade noch Zeit das Forschungsinstitut in Moskau, zu dem die beiden hin wollten, anzurufen. Mit den Worten: „... ja, Sie haben richtig gehört das Kogitat-Experiment. Ich werde mit Professor Klopstock in ungefähr vier Stunden eintreffen – es eilt!“ Legte er hastig auf, um den Flug noch zu erreichen.
Moskau. Kurz vor Mitternacht. Klopstock und Petryvitsch liefen quer über den Platz vor dem Flughafen durch das Schneegestöber zum nächsten Taxistand. „Das Wetter ist wie damals beim Kogitat-Experiment!“ Schrie Klopstock durch den tosenden Wind. Petryvitsch aber wollte nicht antworten oder er hatte Klopstock einfach nicht gehört.
Professor Tostomoije, der Leiter des Forschungsinstituts, wartete bereits in seinem Arbeitszimmer mit einer Menge Kaffee, süßestem Tee und seiner besten Flasche Krim-Sekt. Auch hielt er schon starke, aromatische Zigarren zur Begrüßung seiner alten Freunde bereit. Was noch fehlte, war etwas Gebäck, das um diese Uhrzeit aber schwer herzubekommen war. Tostomoije grübelte noch ein wenig, bevor er aus seinem Arbeitszimmer verschwand, um kurze Zeit später mit frisch duftendem Gebäck wiederzukommen.
Mit einer Vollbremsung aus schneller Fahrt hielt das Taxi, in dem Professor Klopstock und Dr. Petryvitsch saßen, mit quietschenden Reifen vor dem Forschungs-Institut an. Klopstock hatte den Taxi-Fahrer eindringlich darum gebeten, so schnell wie möglich zu fahren und ihm dafür auch eine horrende Summe Geld noch während der Fahrt in die Hand gedrückt.
Nachdem sie die wenigen Meter zum Institut gerannt waren - es schneite fürchterlich - und Sturm geklingelt hatten, traten Professor Klopstock und Dr. Petryvitsch endlich mit hundeähnlichem Hecheln in Professor Tostomoijes Arbeitszimmer ein. Tostomoije konnte endlich seinen Sekt mit einem Knall öffnen. Der Sekt lief Tostomoije schäumend über die Hände und er begrüßte seine beiden, alten Freunde breit grinsend mit einem landestypischen Ausruf, bevor er ihnen eine seiner klebrigen Hände zum Schütteln anbot. Die Ankömmlinge schüttelten sie ausgiebig und fingen daraufhin an, wild durcheinander zu plappern.
Tostomoije hatte Mühe die beiden zu beruhigen. Ständig fing einer der beiden an, in unverständlicher Manier auf Tostomoije einzureden und der andere versuchte das noch zu übertrumpfen, indem er noch schneller und lauter losquasselte. So dämmerte es auch Tostomoije, dass hier etwas mit Brisanz vor sich ging, doch hatte er Schwierigkeiten damit, es genau zu verstehen, solch einen Tumult veranstalteten Professor Klopstock und Dr. Petryvitsch.
„Worum geht es denn?“ Schrie Tostomoije endlich mit aller Gewalt. Die kurze Ruhe, die dieser Schrei brachte, nutzte er um nachzusetzen: „Klopstock, du zuerst! Petryvitsch, du sei mal leise! Also, ich höre?“ Mit nur schwer zu behaltender Fassung sagte Klopstock dann in irrer Tonlage: „Es geht um das Kogitat-Experiment!“
III
Klopstock, Petryvitsch und Tostomoije betraten einen grell erleuchteten, dunkelgrau gekachelten, riesigen Raum. Während Professor Tostomoije auf einen großen Hebel zuging, um ihn zu betätigen, sagte er mit nervöser Stimme beschwichtigend: „Dass es um das Kogitat-Experiment geht, wusste ich bereits. Meine Sekretärin hat mir bescheid gegeben. Ihr hattet doch angerufen, wisst ihr nicht mehr?“
Ein Generator fing an laut zu brummen, und die drei konnten die Stromgeräusche, die von einem großen Gerät, das in der Mitte des Raumes stand, ausgingen vernehmen.
„Aber weißt du, ob es noch geht?“, richtete sich Petryvitsch an Tostomoije, und Klopstock ergänzte: „... zu ‚ihm’ vorzudringen?“
„Klar doch!“ Tostomoije musste schmunzeln. „Ich war heute schon einmal bei ‚ihm’“, der Leiter des Forschungsinstituts wollte gerade Gänsefüßchen mit den Fingern in die Luft setzen, da schlug ihm schon im gleichen Moment Professor Klopstock mit wütender Stimme die Hände weg: „Du hast es also schon wieder gemacht! Irrer! Warst bei ‚ihm’?!“
Professor Tostomoije öffnete eine kleine Tür am Gerät in der Mitte des Raumes. Aus der geöffneten Kammer entwich ein violettes Blitzlicht und ein wenig grünlich schimmernder Dampf. Petryvitsch verdrehte die Augen. Tostomoije machte eine einladende Geste in Richtung der Kammer, „Darf ich bitten?“
„Nun, jetzt bleibt uns wohl nichts anderes mehr übrig.“ Petryvitsch schaute zu Professor Klopstock, der nach kurzem Zögern laut anfing zu schreien: „Auf zu ‚ihm’!“ Dann klatschte er in die Hände und rieb sie sich.
IV
Spät in der Nacht kam das Mondgespenst durch das offne Fenster herein. So wie ich es gewohnt war, brachte ich solch einer Situation die, meiner Meinung nach, angebrachte Skepsis entgegen. Mit röhrendem Tröten wollte es mich beeindrucken. Ich gebe zu, dass es das Gespenst dadurch schaffte, mich in Stimmung zu versetzen, wenngleich mein Stirnrunzeln noch nicht ganz verschwinden wollte. Es ist doch so mit diesen Gespensterbesuchen: Meist herrscht Unklarheit über den Fortgang der späten Stunden. Ungewiss auch diesmal, was das Mondgespenst angetrieben hatte, mich zu besuchen und was es wieder für ein Lügenmärchen auftischen würde, um mich wach zu halten. Traue nie gänzlich dem gelb-trüben Schein, dem luftigen Gefühl, dem Röhren, das schnell zum Dröhnen wird, das einem die Nacht raubt! Ich wurde angelächelt und verfiel aufs Neue dem Gespenstercharme. Selbst meine Skeptische Befürchtung wurde vergelblicht.
„Ich sollte vorsichtiger mit den Fensteröffnungszeiten umgehen! Sparsamer...“
„Ja, tja, jaja, ein ganz Sparsamer bist du!“
„Nein, sprich nicht so – so...“
„Soso, du Ängstlicher, soso. Wollte nur Gesellschaft leisten – dir. Sahst etwas, etwas einsam aus, du.“
„Nun gut. Es sei aber nicht unerwähnt, dass su wiedereinmal zu sehr später Stunde erscheinst. Dennoch ehrt mich dein Besuch und es ist anerkennenswert, wie du dich um meine Einsamkeit sorgst und sie mir vertreiben willst, wenigstens für ein paar Stunden.“
„Wenigstens bin ich jetzt da, du.“
Ich holte mir ein Bier und wir setzten uns. Das heißt, ich setzte mich an meinen Tisch, und das Gespenst schwebte auf der gegenüberliegenden Seite auf und ab, seltener schwankte es auch nach links und rechts. Dem Gespenst bot ich nichts zu trinken an – Gespenster können nicht trinken, und zudem wirkt gerade das Mondgespenst stets sehr berauscht, was mich auch zum Alkohol drängte.
„Prost, prost, du!“ Sagte der Besucher, und ich nickte - eigentlich nur, um das Gespenst im Blick zu behalten, daher fügte ich noch ein zögerliches „danke“ hinzu. Ich nahm einen Kraftschluck aus der Flasche und wollte gerade das Bier abstellen, als es völlig unerwartet klingelte. Es war die Türklingel, und ich erschrak heftig. Noch ein Besucher? Zu so später Nachtzeit? Wer konnte es sein? Was sollte ich mit dem Mondgespenst machen? Nicht jeder kennt Gespensterbesuche, und ich hatte einen.
Hastig stellte ich die Bierflasche ab und erklärte dem Mondgespenst eindringlich ruhig zu sein: „Pssst!“
Ich stellte mich blockierend in den Türrahmen, nachdem ich den Türöffner bedient hatte und war gespannt, wer denn nun käme. Es roch noch billigen Zigarren. Husten. Dann stand er da, es war eine Person aus einem meiner Texte, die ich des öfteren schreibe. Es war Professor Klopstock!
Ich erinnerte mich an das Mondgespenst, schlug die Wohnungstür zu rannte zurück ins Zimmer, setzte mich an meinen Text und fing an, im Schein des Gespenstes und unter dessen Blöcken, wie ein besessener zu schreiben. Ich schrieb den Professor weg.
V
Der Spacejet-Hafen von Yoobee war ziemlich dreckig und voll. Überall lagen E-Zeitschriften und nicht ausgeschaltene Getränkedosen herum. Vorm Eingang zur Interstellarjetan- und -abflugstelle drängelten sich ungefähr 100.000 Geschöpfe nach vorne. Wecktorianer, die um ihre Augen Karten spielten, Belkopen, die sich mit einer bierähnlichen Substanz zuschütteten, Taklorier, die ihre Körper rythmisch austauschten und viele andere Kreaturen. Professor Klopstock stand ganz hinten, hatte einen Paketlader an seiner Hand, der mit zwei großen Reisekoffern beladen war, und wehrte sich gerade gegen die tentakelartigen Haare einer Pukywhoxlophierin, namens Poxykowhlux, die zumindest auf Grund ihres Namens annahm eine Pukywhoxlophierin vom Planeten Ol zu sein, sie hätte aber genauso gut eine Powhxloky oder Puxlowhkierin sein können. Diese tentakelartigen Haare versuchten sich um Professor Klopstock zu schlingen, der Angst hatte, dass diese ihn vielleicht erdrücken könnten. Klopstock riss sich das letzte vom Hals und trat einen Schritt zurück, als eines der Haare sagte: „Sind sie nicht Professor Klopstock?“ - „Äh, ja.“ - „Phyx! Pyxo! Puwhky! Das ist Professor Klopstock!“ Einige der anderen Haare, die offensichtlich mit dem einen befreundet zu sein schienen, japsten und frohlockten plötzlich. Pokwhyx, das erste Haar, fragte, nachdem es wieder genug Talk geschluckt hatte: „Könnten sie mir, bitte, ein Autogramm geben, direkt hier auf den Spliss?“ Klopstock holte einen Kuli aus seinem Jackett und gab Pokwhyx ein Autogramm. Pokwhyx kreischte wie verrückt, und die anderen Haare wollten auch ein Autogramm, was sie Klopstock auch unmißverständlich klarmachten. Der daraus resultierende Lärm störte Poxykowhlux bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, Synthetikstaubkörner in einer transparenten Kugel, die sie sich gerade gekauft hatte, zu zählen. Synthetikstaubkörnerzählen ist ein Zeitvertreib, der sich bei vielen, hochentwickelten Kulturen größter Beliebtheit erfreut. Es hat eine sehr beruhigende Wirkung auf den Zähler, da keine Botschaft vermittelt wird und das Ende, 100.000 Körner, im Vorraus bekannt ist. Auf vielen Planeten gibt es ähnliche Beschäftigungen, auf einigen mehrere auf einmal und auf wenigen sogar soviele, dass die Leute nicht einmal mehr groß entspannt werden und sich nur schleichend weiterentwickeln, und meißt nur auf Gebieten, die diese Beruhigungsbeschäftigungen mehr oder weniger zu perfektionieren versuchen. Auf dem Planeten Nebo z.B. trinkt man gerne einmal 10 Liter, für die Neboer nicht verwertbares, Wasser, auf dem Planeten Taklor tauscht man seine Körper aus, Wecktorianer spielen um ihre wertlosen Augen Karten; auf dem Planeten P-005712X, dessen Einwohner es nach letzten Informationen noch nicht geschaft haben, die 100-fache-Lichtgeschwindigkeitsgrenze mit einem ihrer Transportmittel zu durchbrechen und ihren Planeten einfaltsfacherweise „Erde“ nennen, haben eine so hohe Anzahl dieser Zeitvertreibsmöglichkeiten, dass es einen Olier sicherlich ein großes Vergnügen bereiten würde sie zu zählen. Z.B. trinken sie ein, für Erdlinge unverträgliches Maß an eigentlich unverwertbarem Alkohol, um ihn danach aus diversen Verdauungsöffnungen, teils ersehnt, teils ungewollt zu entlassen, auch schauen sie sich sogenannte „Filme“ an, bei denen man überhaubt nicht in die Handlung eingreifen kann, oder sie lesen Bücher, die zum Großteil uralt und manchmal garnicht zu verstehen sind.
Mit einem von Klopstock erhofften „Ruhe!“ beendete Poxykowhlux das Getöse von Pokwhyx, Phyx, Pyxo und Puwhky.
VI
„Naja, jaja, aber er wollte dir doch nur, nur helfen!“ Das Mondgespenst war entzürnt. „Helfen? Die wollen doch immer nur was von mir –“ entgegnete ich, den Blick über das vollgeschriebene Papier streifend und an einer soeben angezündeten Zigarette ziehend. „Außerdem: Das ist immernoch meine Geschichte, an der ich hier schreibe!“ Nach einem verschreckten Blubbern, das das Gespenst aufgrund meiner überzogenen Bestimmtheit abgab, fing es gleich wieder an, mir zuzureden: „Dudu! Du musst den Professor wieder zu-, zurückholen! Da bin ich mir ganz, ganz sicher!“ – „Wenn du nur wüsstest! Mir fällt doch garnichts mehr ein, was ich schreiben könnte – ich bin ein schlechter Schriftsteller. Verstehst du?“
„Und woran das wohl liegt?!“ Dr. Petryvitsch, der sich soeben durchs Fenster hereingehangelt hatte, keuchte es bedeutungsschwanger. Mir wurde schwindelig. „Dr. Petryvitsch? Wie kommen sie denn hierher?“ – „Tostomoijes Maschine“, war die äußerst trockene Erklärung. „Figuren aus meinen Geschichten, die mich besuchen kommen...“ Ich zog ein weiteres mal an der Zigarette und nickte verständnislos. „Er ist wie eine ‚Entfernen’-Taste.“ Petryvitsch schüttelte traurig seinen Kopf. „Wer?“ Ich war erschrocken über soviel Emotion, die da in einem Satz über eine Taste mitschwang. „Er ist sozusagen dein Gegenspieler.“ Petryvitsch sah mich in ernster Weise an. „Er klaut dir deine Ideen, schreibt deine Geschichten um, macht sie unverständlich und sinnlos. Was du dir überlegst, das ist nicht mehr allein von dir.“ – „Ja, wer denn nun?“ Dr. Petryvitsch verdunkelte seine Stimme: „Dr. Brom.“
Fortsetzung sollte folgen...
VII
Da mir der Tag oft etwas eintönig erscheint, so pflege ich es, ihn zu versüßen, zu versalzen und zu verpfeffern. Das geschieht in meinem Fall mit Cola, Chips und Pfeffer aus der Mühle. Doch muss ich hier gleich eingestehen, sollte dies jemanden ebenso eintönig erscheinen, dass es durchaus sehr ideenlos ist, sich mit immer den gleichen drei Methoden den Tag oder den Abend zu verschönern. Aufgrund der Schwierigkeiten, die es mir bereitet, wirkliche Abwechslung in den tagtäglichen Einheitsbrei hinein zu bekommen, habe ich mir beim Genuss der Cola, der Chips und des Pfeffers etwas angewöhnt, das ich nicht mehr los werde: Ich lese, was das Produkt enthält, lese, was für Zutaten verwendet wurden.
Cola, das weiß jede und jeder, macht wegen ihres hohen Zuckergehaltes schnell sehr, sehr dick. Weil auch ich das weiß, bin ich schon vor langer Zeit auf die, angeblich diesen Effekt vermeidenden, „Light“-Varianten der Cola umgestiegen. Bei diesen zuckerfreien Versionen verhält es sich ähnlich, wie mit Bier oder anderen alkoholischen Getränken: Beim ersten Probieren holt einen das schiere Graußen ein und nach einer gewissen Durchhaltephase kann man das Getränk erst genießen. Doch wird Cola Light dadurch wirklich sorgenfrei genießbar? Es kamen mir nämlich Gerüchte zu Ohren (und wie soll man sie widerlegen, wenn man es nicht besser weiß?), die Süßstoffe in der Cola Light seien Krebserregend! Potzblitz! Wie soll ich als Raucher mit so einer Tatsache umgehen? Soll es mir egal sein, ob ich nun an Lungen- oder Darmkrebs vorzeitig abtrete? Oder reicht nicht schon ein lebensbedrohliches Damokles-Schwert aus? Und stimmt es, was man mir über den Süßstoff „Aspartam“ gesagt hat – er wäre als Nervengift im Irak-Krieg eingesetzt worden? Oder verursacht er doch nur Durchfall?
Chips haben ein Problem Sie bestehen größtenteils aus Kartoffeln. Kartoffeln haben, das weiß auch jede und jeder, nicht besonders viel Eigengeschmack...
VIII
Dr. Petryvitsch hatte es mir aufgetragen, und ich war redlich bemüht. Bemüht meine schreiberischen Kräfte zu sammeln. Eigentlich sollte ich, so hatte es mir Petryvitsch eingeimpft, Professor Klopstock wieder zurückschreiben, wie es auch das Mondgespenst gefordert hatte. Es kam mir aber zunächst nur Irres zu schreiben in den Sinn. Irgendetwas schien Macht über mich zu haben. War es wirklich dieser ominöse Dr. Brom? Das fragte ich mich gerade, als das Mondgespenst sich einschaltete und losplapperte:
„Nö, nö, nich sowas doofes nich! Erzähl lieber mal die Geschichte von Vampy, Vampy und Wampi, Wampi!“ Das Mondgespenst schaute mich gespenstisch-erwartungsvoll an. Ja, gab es dieses Mondgespenst denn überhaupt wirklich, fragte ich mich weiter und sollte trotzdem mit ernster Mine erwidern: „Aber mein kleines Mondgespenst, die Sache mit Vampy und Wampi – ich meine, das ist doch eher eine parabelhafte Sentenz. Aber bitte –“ Ich zückte Blatt und Stift und schrieb abermals etwas unter den Augen des ungeduldig auf- und abwippenden Gespenstes und Dr. Petryvitsch:
Vampy hatte die Mundwinkel stets voller Ketchup, und Wampi seinen Wanst randvoll gefüllt mit Pommes.
„Zufrieden?“, fragte ich das Mondgespenst und es zappelte, „Au, au, ja, ja!“
IX
Schade, das Vampy und Wampi sich noch nie geküsst haben, dachte ich und zog an meiner Zigarette. Da kam mir der Geniestreich: Alles Quatsch mit dem düsteren Dr. Brom, der da die Macht über mein Schreiben haben sollte. Wie kann es anders in einer vernünftigen Geschichte sein, als dass ich mich selbst geschlagen hatte – welch trauriges Heldentum! Ich war Dr. Brom! Ich hatte die Geschichte vermasselt! Und nun sollte ich wie Phoenix aus der Asche emporsteigen. Ich drückte die Zigarette geschwind aus. Ich nahm meinen billigen Kuli in die Hand, ja ich nahm sogar den einfachen Schreibblock dazu und schrieb neu:
X
Wampi drückte Vampy einen dicken Schmatz auf den mit Ketchup verschmierten Mund – das schmeckte vielleicht gut!
Erstmal zündete er sich seine Pfeife an. Professor Klopstock war gerade in seinen grün-grauen Ohrensessel im Arbeitszimmer geradezu gefallen. Auch war er gerade erst von einer langen Vortragsreise zurückgekehrt mit noch längeren Vorträgen über Geraden, die sich nie oder besser gesagt in der Unendlichkeit schnitten. Diese Geraden erhielten von ihm den Namen „Klopstock’sche Geraden“. Damit wollte er mit seinem Kollegen Professor Mat gleichziehen, der, nach eingehenden Studien und Experimenten über die Wirkung von Wasser auf verschiedenste Materialien, die Mat’sche Pampe entdeckte. Die Idee mit den Geraden kam Professor Klopstock nach der Lektüre eines Aufsatzes von Professor Rut über dessen Rut’sche Ebene oder kurz: Die Rut’sche.
Jetzt war es an der Zeit ein Resümee zu ziehen. Nachdem er es gezogen hatte, verschwand er in sein Badezimmer, um sich frisch zu machen.
Nach dem Föhnen seines Haares und seines Vollbartes, pflegte er letzteren gründlich, indem er die wenigen übrig gebliebenen farbigen Haare gekonnt auszupfte, so dass der Bart wieder herrlich weiß-grau aussah. Plötzlich ging die Türschelle. „Post!“ - „Aus der Zukunft!“ Hörte Klopstock beim Öffnen der Tür. Es war der obligatorische Scherz seiner alten Schulfreunde, Dr. Petryvitsch und Professor Tostomoije. „Herein mit euch!“, kam sofort die freudige Antwort.
Professor Klopstock, Dr. Petryvitsch und Professor Tostomoije hatten es sich im Arbeitszimmer gemütlich gemacht. Professor Tostomoije packte eine kleine Maschine aus, mit deren Hilfe sie schwarzen Kaffee, pappsüßen Tee und uralten Wein herbeizaubern konnten, und genüsslich tranken sie das alles. Dr. Petryvitsch hatte stark aromatischen Zigarren mitgebracht, und nun rauchten die drei nach Kräften. Professor Klopstock erzählte eine kleine Geschichte von seiner Vortragsreise, bei der er in Pukywhoxlophien eine Frau namens Poxykowhlux kennengelernt hatte und deren drei bezaubernde Kinder Phyx, Pyxo und Puwhky. Petryvitsch und Tostomoije mussten über die lustigen Namen lachen und die drei amüsierten sich prächtig. So sollte es bis zum Abend gehen und dann war es Zeit den Fernseher an zumachen, denn nun kam die Sendung mit dem lieben Mondgespenst. Die drei waren Mondgespenst-Fans, und Professor Klopstock hatte schon Cola und Chips bereitgestellt. Die Sendung endete mit einem Happy-End, weil nur dank dem Mondgespenst Dr. Brom endlich wieder gut schlafen konnte. Das Gespenst hatte Dr. Brom ein leckeres Bier besorgt und sagte, nachdem der Doktor es getrunken hatte: „Dudu, schlaf ein, du! Und träum was ganz, ganz guuutes!“
Alles war gut an diesem Tag und in dieser Nacht.