ohne Überschrift (Bombe)
Nicht schlecht, Herr Specht, sondern gut, Herr Specht, bekam man allenseitens zu hören. Jeder gewählte Schritt, jedes sorgfältig vollzogene Machen und Tun wurde mit, von Staunen und Freude gefüllten, Augen gewürdigt, ja sogar sehnlichst begrüßt und bisweilen sogar beklatscht und sorgenentleert und liebevoll mit achtenden Ausrufen und beglückenden Bekundungen bedacht. Jeder ging seines fleißigen Weges und wusste doch, die Taten der anderen und ihren, nicht weniger ausgeprägten, Fleiß und ihr Können mit, nicht weniger mit Wichtigkeit und Verantwortung dem anderen gegenüber erfülltem, Blick und herzensfrohem Beifall zu achten. Freude! Schaffen! Freude!
Jeder ein Künstler; jeder einer, der die Kunst des Gegenüber zu schätzen wusste.
Der eine malt, singt, dichtet, baut, der andere betrachtet, hört, liest und betrachtet abermals die Säule oder Statue lustgefüllt umrundend, die Verse aufmerksam in die eigene, vor Frohmut jauchzende, Seele einfließen lassend, den Wohlkang entzückt ins kennerische Ohr dringend; so vollzieht man anschließend mit wissenden Augen die Striche einer, gerade vollendeten, Zeichnung nach. Und Wissen! Können! Liebe!
In phantasievoller Träumerei lebten die einigen Dutzend Künstler und Küstlerinnen allen Alters auf der kleinen Welt dahin. Einer überschaubar großen Wiese, mit Sträuchern und Hecken durchzogen und umgrenzt, dahinter Meer und Horizont und Sonne, Mond und Sternenfeld. Ein Eiland des seligen und kreativen Daseins, das genug Anreize von Farben, Formen, Anordnungen bot, um damit die hochgelobte Kunst zum Blühen und Weiterwachsen zu bringen, zu erhalten.
Es war am Ende eines heißen Sommertages, als einer der Künstler eine besondere Idee hatte, die er zugleich aufmalen wollte. Wie in Raserei brachte er Strich um Strich auf die Leinwand auf. Und nach einiger Zeit war er stolz auf sein Werk, das etwas darstellte, was auf dieser Künstlerinsel kein Vorbild, kein Beispiel kannte. Es war eine Bombe.
Nun kamen die anderen Künstler und starrten auf das soeben fertiggestellte Bild. Sie waren frappiert und doch auch angetan von diesem Etwas, das sie nie zuvor gesehen hatten. „Was ist das, was Du da ins Bild gesetzt hast?“ Wollte einer der Betrachter wissen. Und der Schaffer des Werkes antwortete darauf: „Ich nenne es 'Bombe'!“ Und so wurden in der Folge Gedichte von der Bombe geschrieben und Lieder auf die Bombe gesungen und einer fertigte sogar eine Bombe aus Stein an. Es war der Beginn einer regelrechten Geistesströmung in allen Bereichen der Kunst. Sogar Schmuck, Ringe und Halsketten wurden angefertigt mit dem Abbild einer Bombe auf ihnen. Und viele mochten und verehrten die Bombe. So etwas schönes war sie, dass nur wenige sie wegzudenken vermochten. Die Bombe! Die Bombe! Die Bombe!*
Doch durch diese Geisteströmung wurden andere Dinge, die bisher Gegenstand der Kunst waren, vernachlässigt. So schrieben nur noch wenige von der Harmonie der Insel, malten nur noch vereinzelt Künstler die Pflanzen und Tiere der kleinen Welt, und kaum einer wollte noch einen Mann oder eine Frau in Stein hauen. Nein, die Bombe beherrschte das Können der Kreativen. Und was noch viel trauriger war, die wenigen, die noch der alten Kunst nachhingen, wurden nicht mehr bestaunt und beachtet, sie wurden sogar belächelt und verlacht. Die Demütigenden meinten, alles was nicht die Bombe zum Thema des Schaffens hat, sei nicht weiterhin Kunst und könne somit getrost vernichtet werden. Und so geschah es dann, dass all die Kunstwerke jeglicher Art, die nichts mit der Bombe zu tun hatten, zerstört wurden und wurden sie früher auch noch so geachtet und geliebt.
Der Künstler, der die allererste Bombe ersonnen hatte, sollte nun zum Richtungsweisenden werden und sein Wort galt als Maßstab für die Werke, die angefertigt wurden. Denn er wußte, was der Bombe am besten entspricht; er konnte die einzige Kritik von Bedeutung geben. An seinen Ausführungen zum Thema Bombe hielten sich die Künstler, die weiterhin anerkannt sein wollten.
Die Künstler der alten Garde hindes gaben ihre Kunst auf, ihre Werke waren zerstört und ihr Ansehen verspielt. Doch auch unter den Malern, Sängern und Bildhauern des Bombenstils mehrte sich Unzufriedenheit. Hing es doch vom Erfinder der Bomben-Idee ab, ob ihr Können auch Kunst sei. Und nicht alle trafen den Geschmack des Erfinders.
Es waren immer mehr unter den Künstlern, deren Können und Fleiß nicht anerkannt wurde und die, davon enttäuscht, ihr Handwerk aufgaben, sich zu denen gesellten, den es ähnlich ging, und von Bomben und der sogenannten Kunst nichts mehr wissen wollten. Am Ende dieser Entwicklung gab es nur noch einen einzigen Verehrer des Erfinders und dem verging nach wenigen Tagen auch die Lust an der Bombe, weil er vom Erfinder nur arge Kritik zu hören bekam. Und dieser, der letzte schaffende Künstler - der seiner Idee von der Bombe immernoch nachhing - dieser wurde im Laufe der Zeit von den übrigen nur noch müde belächelt. Ein Verrückter!
* alternatives Ende:
Viel Zeit verging. Ein großes Entdeckerschiff, eines der größten seiner Nation, fand nach beschwerlicher Reise die Künstlerinsel, auf der kein Künstler mehr lebte. Etwa in der Mitte der Insel stand meterhoch eine Statue, und der Leiter der Expeditionsgruppe sagte anerkennend: „Sieh an, eine Bombe. Eine Hochkultur muß das hier gewesen sein, sonst kennte sie keinen Krieg mit solchen Mitteln! Schön und bewundernswert!“