Gutes GehörJetzt, da ich beginne taub zu werden, schäme ich mich für den Umgang mit meinem Gehör in der Vergangenheit. Noch gehen mir die Melodien liebevoller Musik in den Kopf. Doch bald wird auch das widerlichste Kratzen dort draußen nicht mehr zu hören sein. Wie selbstverständlich lauschte ich Unterhaltungen zu Haus, im Garten oder im Café und dort sogar denen des Nachbartisches. Ja, mein Gehör war einst ein exzellentes. So konnte ich Rufe auf mich noch im dichtesten Gewirr nachmittäglichen Gedrängels nahe dem, im Laufe der Zeit zu einem lauten Güterumschlagsplatz herangewachsenen, Bahnhofsgelände heraushören und wusste auch sogleich, wo der Kollege, Bekannte oder Freund, der den Ruf ausgetan hatte, stand. Selbst wenn ich nachts im Bett lag und der Schlaf mich nicht einholen wollte, vermochte ich den Gesprächen im Haus nebenan mitunter zuzuhören. Wie ich noch weiß, fing eines dieser Gespräche damit an, dass einer der Redenden vom anderen verlangte, er solle doch leiser sprechen, es könnte sonst ungebetene Lauscher geben. Im Folgenden ging es um nichts Bedeutsames oder gar Verbrecherisches, doch war ich in der Lage sogar einer solch gedämpften Unterhaltung zu folgen.
Wenn ich jetzt versuche, beim Einschlafen ein solches Kunststück zu vollführen, versage ich dabei ebenso wie am Bahnhofsgelände, welches trotz des tumultartigen Treibens dort bereits ruhig und schläfrig erscheint auf Grund meiner schwindenden Hörfähigkeit. Und so gehen an mir natürlich auch die Rufe der Kollegen vorbei, was sich in einer schlechteren geschäftlichen Bilanz niederschlägt, geht es doch in meiner Branche auch um Termingeschäfte. Weniger bedauerlich sind ohnehin nur abhaltende Zwischenrufe von Bekannten, die ich überhöre; sie wollten mich eh nur für ihren Tratsch aushören. Im mittleren Maß tut es mir nur um die Rufe der Freunde leid, die verlorengegangen sind; erfuhr man doch von ihnen angenehme Neuigkeiten, doch nun scheint es nichts Neues mehr zu geben. Bald wird das Rufen ganz verstummen. |