Die Bitte
Es wurde dunkel. Das Wiegenkind wehend im Wind. „Es ist die erste Bitte dieses Neugeborenen und daher muss sie auch erfüllt werden. Muss ich euch das wohl immer wieder sagen?“ Der Morgengott, der seinen Tanz abgebrochen hatte, konnte es nicht fassen und sprach zunächst in schwächlicher Weise zum Tagesgott. „Du weißt, das Kind wird erst mir, dann Dir entgleiten.“ Und weiter drohend zu dem Abendgott. „Denn es ist auch deine Pflicht dem Kind den Wunsch zu erfüllen!“ Der Gott der Finsternis kicherte abermals und zeigte ein breites Grinsen. Der Gott der Abenddämmerung hingegen grübelte lang und länger. Nun war es an ihm sich zu äußern, doch zunächst flüsterte er kurz mit dem Morgengott, der sodann nickte. Dann verkündete der Abendgott ruhig und bedächtig. „Das Talent, das ich vergeben will, ist Geduld. Ich schenke dem Wiegenkind Zeit!“ Der Gott der Finsternis stand auf und erhob seine Arme, so dass er riesig erschien. „Ich will, dass das Kind bald des nachts die Schwärze sieht, daher schenke ich Größe!“ Der Gott des Morgens ereiferte sich und sprach geradezu eingekehrt. „Das Kind will es so, so will ich es auch. Ich gebe dem Kind den Kleinmut.“ Nun war der Tagesgott erstaunt. „Gut, meine Lektion lautet, ich muss ihm wohl die Übung geben, ansonsten wird ja die Bitte nicht erfüllt.“ Der Gott des Tages schaute in die Runde und die anderen Götter nickten zustimmend. Der Götterbote hatte alles vernommen und stieg hinab und sang dem Kind in seiner Wiege vor. „Erwache in Kleinmut, der Tag wird dich üben und – wart nur – mit der Zeit der Dämmerung wirst Größe du bei Nacht erhalten.“ Das Kind schlief nun und überschaute im Traum sein vor ihm liegendes Leben. |