Das wilde GärtchenAls ich neu in diese Stadt kam, so teilte man mir schnell mit, am schönsten sei die Zeit in einem kleinen verwilderten Gärtchen unweit einer alten Mühle am Stadtrand auszuhalten. Hier gäbe es, trotz der geringen Fläche, stets ein neues Fleckchen zu entdecken und Pflänzchen zu sehen, die ich in derartiger Prachtfülle sicher noch nicht kennen würde. Schon lange sei dieser Ort kein Geheimtipp mehr, doch würden die zahlreichen Besucher des Gärtchens sich dort wunderbar verteilen, jeder könne dort in Ruhe Kraft tanken. Begründet durch diese guten Eigenschaften, sei es geradezu Pflicht für Neuankömmlinge in dieser Stadt das Gärtchen aufzusuchen.
Meine kleine Wohnung an der Hauptstraße, die ich frisch bezogen hatte, war in der Tat sehr umlärmt, in einer Weise wie ich es von meinem Heimatort nicht gewohnt war. Trotzdem wollte ich, war ich doch gerade erst angekommen, den wilden Garten nicht besuchen. Zu sehr war ich beschäftigt in der neuen Stadt Fuß zu fassen. Auch bot die Stadt sehr viele Reize gleich im Zentrum und ich war mir nicht sicher, ob es den zeitlichen Aufwand lohnen würde an den Stadtrand zu gelangen, nur um dort einen, wie ich es mir vorstellte, ungepflegten Fleck Land zu sehen. Sehr viel hatte ich mit meiner neuen Arbeit hier zu tun, somit hatte ich wenig Zeit solchen Vorschlägen nachzugehen wie den Besuch des Gärtchens. Nach einiger Zeit fühlte ich mich recht wohl in der neuen Stadt und das Gärtchen war so gut wie vergessen oder wenigstens sehr unwichtig für mich geworden. Im Hochsommer des ersten Jahres wäre ich fast zur Mühle am Stadtrand gefahren um das wilde Gärtchen zu betreten, doch das war der letzte ernstgemeinte Gedanke, den ich an das Gärtchen verschwendete. So kam hinzu, dass ich schon im Herbst eine neue Wohnung bezog, die sich nochmals weiter weg von der Mühle befand. Heute lebe ich schon Jahrzehnte in dieser Stadt, habe das Gärtchen aber zu keiner Zeit besucht. Ich weiß auch garnicht, ob es die Mühle und das Gärtchen überhaupt noch gibt. Ob ich den unterlassenen Besuch bereue? Ja, denn ich habe meine Möglichkeiten nicht genutzt. |