Das ungewollte Wunderoder: Eine durschnittliche Weihnachtsgeschichte Zuerst einmal: Es war nicht Weihnachten, sondern Heiliger Abend, oder genauer, der 24. Dezember. Das Haus der Familie stand auf einem großen Hügel, der wiederum so von Bäumen und Sträuchern überwuchert war, daß man das Haus eigentlich gar nicht sehen konnte. Selbst für ein Adlerauge kam erschwerend hinzu, daß es natürlich, wie bestellt, geschneit hatte, und so das Haus auf dem Hügel mit den Bäumen und den Sträuchern für ein ungeübtes Sehorgan, wie ein riesengroßer, heruntergefallener Schneeball aussah. Ja selbst die Familie tat sich oft schwer in ihr Heim zurückzukehren, waren sie doch allesamt Brillenträger, die es, wie man weiß, bei Schneestürmen, die in dieser Gegend des Landes nicht weniger unselten vorkamen als anderswo, recht schwer haben ihre Sehapparate sauber und vor allem trocken zu halten. Es dauerte nicht selten einige Stunden oder Tage bis sie ihr Haus fanden. Schon Wochen vor Weihnachten, oder besser, Heilig Abend, bzw. Dem 24. Dezember, verließen sie die Gute Stube nicht mehr, um just heute, dem Heiligen Abend und an den darauffolgenden Festtagen, also Weihnachten, zuhause sein zu können. Da saßen sie also, nach Lebkuchen und Bratenfett stinkend. Mit trockenen Brillen und einem nicht unwesentlich gesteigerten Lächeln. Und sie schauten nicht nur, gezwungenermaßen, durch ihre Brillen, sondern auch recht satt aus. Nur der Vater, der als einziger das Wissen darüber besaß, wie teuer der Braten gewesen war, versuchte krampfhaft, den kahlen Knochen das letzte Restchen an Geschmack abzuringen, ohne Rücksicht darauf, nicht nur seine eigenen, sondern vielleicht auch die Brillengläser der anderen, mit Fetttropfen zu bekleckern. Es war ein kalter Dezemberabend, draußen war es stockdunkel, und deswegen bellten die Hunde, und heulten die Wölfe, und aus weiter Ferne meinte man Gänse gackern zu hören. Die Sehbehindertenfamilie war darauf erpicht, so bald, wie eben möglich, die Stimme zu erheben und feierlich zu singen. Also kramte die Mutter, auf Drängen ihrer lieben Kinder, einige Minuten lang in ihrer Rocktasche, um daraufhin das Familiengesangbuch aus dem Schrank zu holen. Und wie es sich für ein Familiengesangbuch ziemt, war es in einem dunklen Rot-Ton gebunden, und die Seitenränder waren gülden angestrichen, und auf dem Buchdeckel war in feierlichen Buchstaben, nicht weniger gülden, das Wort „Gesangbuch“ geschrieben. Die Mutter schlug alsbald das Gesangbuch auf und blätterte es durch. Es knarzte und krachte feierlich, wie es sich für ein Familiengesangbuch ziemt. Staub wurde heftig aufgewirbelt, und alle Familienmitglieder schickten sich sofort an, ihre Brillen wieder in einen sauberen Zustand zu versetzen. Dann fingen sie an zu singen und dabei tranken sie Wein. Sie sangen und tranken Wein, tranken und sangen Wein. Und um so länger sie sangen, um so mehr tranken sie Wein; und um so mehr sie Wein tranken, um so weniger sangen sie; und um so weniger sie sangen, um so mehr tranken sie Wein; und um so länger sie tranken, um so lauter sangen sie. Und nachdem sie alle ein Glas getrunken und ein Lied gesungen hatten, waren sie des Singens und des Trinkens müde. Dann verstaute die Mutter das Buch wieder in ihre Rocktasche und bat ihre Kinder, ein Gedicht aufzusagen. Jedes Kind hatte sich gut vorbereitet und sagte seine Reime auf. Mal waren die Gedichte lang und voller Moral, mal waren sie kurz und erfrischend, ein weiteres mal waren sie unaussprechlich und erheiternd; und auf diese Weise brachte man die Zeit schnell umher. Als die beiden fertig waren, lächelten die Eltern zufrieden und waren voller Stolz über ihre Kinder. Der Vater schnappte sich einen Nachkömmling, drückte ihn an seine Brust und brach in Tränen aus. Ebenso machte es die Mutter mit dem anderen. Nachdem die Eltern die Brillengläser vom Salzwasser, und die Kinder ihre vom Gesichtsschweiß gesäubert hatten, erwarteten die vier gespannt die Bescherung. Aber als sich nach einer halben Stunde immer noch nichts tat, fingen sie an die Bescherung selber einzuleiten. Es war eine arme Familie, aber an Weihnachten wurde nicht gespart. Selbst alle Kinder sparten das liebe lange Jahr lang, um sich an Weihnachten, oder genauer, dem Heiligen Abend, beschenken zu können. Der Vater zog die Tischschublade heraus, kramte darin herum und holte schließlich den Familienhammer vom Fensterbrett. Der Vater war der einzige Familienangehörige, der nur kurzsichtig war und so war er auch der einzige, der dieses Familienritual vollstrecken konnte. Er bat um die Brillen der ganzen Kinder und um die Brille seiner Frau. Anschließend reihte er die nicht unwichtigen Sehgeräte nebeneinander auf dem Tisch auf. Dann legte er seine eigene dazu. Achtmal klirrte es, dann war das Werk vollbracht. Zur Sicherheit verbog das Familienoberhaupt die Gestelle der Brillen. Und wieder blitzte das untrügerische Lächeln auf den Gesichtern aller auf, das unbeschreibliche Zufriedenheit signalisierte. Im Haus krachte, knallte und bumperte es nicht unoft, denn die halbblinden Eltern und Kinder bahnten sich einen Weg zu ihren Zimmern und nach einigen Schmerzensschreien waren alle wieder im Wohnzimmer versammelt. Jeder hielt drei Pakete in den Händen und zeigte erwartungsvoll die Zähne. Da sich die Familie nicht richtig erkennen konnte, dauerte es seine Zeit, bis jeder genau die drei Geschenke hatte, die er auch bekommen sollte. Noch länger dauerte der zweite Teil der Zeremonie, mühsam war es vor allem für die Mutter und die Kinder. Jeder bekam nämlich, nach alteingesessener Vorgabe, ein Brillengestell und zwei dazu passende Gläser. Fast nur mit Hilfe des Tastsinns setzten alle ihre Brillen zusammen. Die Vier mochten für einige eigentümlich erscheinen, für die Familie aber war es ganz selbstverständlich. Sie hielt Lächeln für das natürlichste auf der Welt und so notwendig, wie Wasser und Brot. Da saßen sie also, nach Lebkuchen und Marzipan stinkend. Mit trockenen Brillen und einem nicht unwesentlich gesteigerten Lächeln. Und urplötzlich geschah es. Erst quietschte es am Fenster, nicht weniger unanders, als es bei einem Fensterverschluß quietscht, wenn man ihn öffnet. Und in der Tat beschrieb der Fensterverschluß im nächsten Augenblick einen rechten Winkel. Man konnte dadurch, daß ja das ganze Haus mit Schnee eingehüllt war, nur Weiß erblicken und nicht den, der das Fenster von außen zu öffnen gedachte, was durch fehlenden Außengriff praktisch, faktisch und überhaupt nicht möglich war. Aber man ahnte schon, gestützt durch letztere Erkenntnis, daß es nur der sagenumwucherte Weihnachtsmann sein könne, der hier auf unorthodoxe Weise versuchte, in das Haus einzudringen. Mit einem Ruck öffnete sich das Fenster, und ein Schneeschwall ergoß sich in das Wohnzimmer der Familie - das Lächeln der Familie verlor etwas an Glanz. Satzweise hüpfte der Weihnachtsmann dem Schnee hinterher. Sein fülliger, weißer Bart vermummte das ganze Gesicht, nur zwei Gucklöcher und ein Schlitz zum Atmen waren ausgeschnitten. Der Bart bedeckte den ganzen Hals, die Schultern, die Brust, die Hüften und die Beine; kurzum: Die sehgeschwächte, nach Lebkuchen, Marzipan und Bratenfett stinkende Familie hätte es nicht beschwören können, ob, oder vielleicht besser, daß der Eindringling überhaupt etwas anhatte. Und es war zu bemerken, daß die vier jetzt ein nicht unmerkliches bißchen mehr lächelten, als man es sonst täte, wenn irgend einer einfach so durchs Fenster hereingekommen wäre. Die Familie nahm am Tisch Platz und wartete ruhig, und doch neugierig und interessiert auf die Vorstellung des Nikolauskönigs. Dieser stellte sich zunächst vor und erzählte dann die obligatorische Geschichte; von wegen, er sei vom Nordpol mit einem rentierbespannten Schlitten hierher gefahren und wisse alles über jeden, und er würde schlechte Taten mit der Rute Strafen und gute mit irgendwelchen Wundern belohnen. Der bärtige Fremdling nahm einen Schluck Wein und setzte dann an die Stimme zu erheben, um anzufangen, weit auszuholen. Eigentlich drückte der, übrigens gar nicht mal so große, etwa nur 1,50 lange, Großklaus nur aus, daß die Familie brav war und daher ein Wunder verdient. Selbstverständlich sagte er dies nicht einfach so, sondern nannte zig Beispiele für seine Annahme und langweilte die Familie auf diese Weise doch ziemlich. Man merkte aber, daß sich seine Rede dem unausweichlichen Ende zuneigte. Der, übrigens ohne Dienstsack und -mütze angereiste, Christkindgeburtstagshäuptling redete immer feierlicher und feierlicher und zum Schluß so feierlich, daß ihn die Familie nur unleicht verstehen konnte. Am Ende der Weihnachtslivitenvorlese des, übrigens sehr schläfrig wirkenden, Siebentagevorjahresschließungsbote war allen klar, daß es bald ein Wunder geben würde. Und in der Tat schien der schlitzohrig erscheinende Orator, ein solches machen zu wollen, denn er schnippste theatralisch mit den Fingern und sprach die landläufig bekannte Weihnachtsmannwunderzauberformel: „O=2rµ²(r+h).“ Es war ein kalter Dezemberabend, draußen war es stockdunkel, und deswegen bellten die Hunde, und heulten die Wölfe, und aus weiter Ferne meinte man Gänse gackern zu hören. In dem Haus der Familie schien sich Sonderbares abzuspielen. Zwar sahen sich die Vier immer noch unscharf, doch es war eine viel schönere und bezauberndere Unschärfe, als sonst, ohne Brille. Sie nahmen die Glotzgestellte ab und, o Wunder, sie konnten scharf sehen, klar, wie Gott sie schuf. Einen Moment lang lächelten sie von einem Auge bis zum anderen, dann waren sie stumm. Man konnte die Wut förmlich schneiden. Wie sie dasaßen, regungslos und klar sehend, ein jämmerlicher Anblick. Der Weihnachtsmann zog, die unter dem Bart versteckten Augenbrauen hoch, und ein Träne entfloß seinem Auge und lief ihm kalt den Rücken herunter - er hatte versagt - dabei hatte er doch das Beste für sie getan, oder? Tausend Gedanken hätte er jetzt am liebsten durch seinen Kopf gejagt, doch der Vater stand schon tobend vor seinem Antlitz und beschwerte sich über das Wunder - zu Recht. Wofür hatte die Familie denn das ganze Jahr und die Jahre davor und das Jahr vor den Jahren immer gespart? Hätte der Weihnachtsmann nicht früher kommen können? Von dem gesparten Geld hätte man sich ja schon längst ein schönes Haus im Tal, am Fluß kaufen können, das die Familie immer viel leichter gefunden hätte, zumal ohne Brillen! Und sowieso, was war denn die Familie ohne Brillen? Sie hätten gar nichts Besonderes an sich, sie wären einfach die Familie! Die Familie in dem Haus auf dem Hügel mit den Bäumen und den Sträuchern - na toll! Es war zum Hautausreißen - das leben hatte keinen Sinn mehr... Plausible Gründe. Und auf die Gefahr hin seine hart erkämpfte Anerkennung bei den Rentieren zu verlieren, machte er das Wunder mit einem Klatschen in die Hände und den Worten: „tan a:2 = die Wurzel aus [(s-b) (s-c)] : [s(s-a)],“ wieder rückgängig. Es war ein kalter Dezemberabend, draußen war es stockdunkel, und deswegen bellten die Hunde, und heulten die Wölfe, und aus weiter Ferne meinte man Gänse gackern zu hören. Da saßen sie also, nach Lebkuchen und Marzipan stinkend. Der Weihnachtsmann war verschwunden, und alle waren wieder froh und munter.
CS, 11.12.1996 |