Mondwinter (Fragment)
(Eine science-fiction-artige Kurzgeschichte)
Eigentlich war ihr Blick verklärt. Ihre Augen tränten. Der kalte Wind griff sie immer wieder scheinbar gezielt an, blies an den Gläsern vorbei in ihre Augen. Nur ab und zu drangen einzelne haarscharfe Bilder durch ihre Brille.
Die verschnörkelten Äste der kahlen Bäume. Die kleinen Schneefetzen auf dem grauen Kiesweg. Der offen Mondfleck auf dem hellblau verwaschenem Himmel.
Das Pärchen, das am anderen Ende der Wiese mit ihrem Hund spielte, nahm sie schon wieder bloß verschwommen wahr.
*Doch jetzt konnte sie keines der Kunstwerke* genießen. Schmerzend spürte Sie ihre Finger in den Taschen ihres Laufanzuges. Der feine, spezielle Stoff an dieser Stelle war einfach nicht gemacht, um von selbst zu wärmen.*
* Ihre ...* Schuhe knirschten*, während Sie den Weg entlang schlenderte. Sie hatte noch Zeit. Zehn Minuten blieben ihr noch von der Stunde Freizeit, die Sie sich heute leisten konnte(/durfte). Schon das zweite Mal seit fünf Tagen.
*Plötzlich rasten drei Menschen an ihr vorbei.
Demnächst müsste die zweite Feierabendflut beginnen, fiel ihr ein. Die Freizeit hätte besser liegen können. Aber eigentlich war es ihr auch egal. Und da kam ihr auch schon ein Schwall Menschen entgegengerannt. Leise, wie ein Schwarm Vögel, rauschten sie an ihr vorbei, heiter, ungleichmäßig zwitschernd, *denn ihre Laufschuhe waren so perfekt gefedert, dass sie kaum ein Geräusch zuließen.
Ohne die Läufer weiter zu beachten, ging sie weiter. Sie hatte heute keine Lust die scheinbar immer fröhlichen Menschen in ihren schönen, teuren Laufanzüge zu bestaunen und zu beneiden , denn sie wusste, dass sie sich nie einen Markenanzug leisten könnte, und es würde auch gar nicht zu ihr passen. Ihre Augen starrten versunken gerade durch die Menge durch. Sie hatte sich an ihren einfachen Nylonanzug gewöhnt, obwohl sie ihn hässlich fand. Aber was sollte sie machen. Sie hatte nicht genug Geld. Nicht das sie wirklich arm war, aber sie musste jeden Tag hart dafür arbeiten. Eigentlich mussten das alle (heute) ? jeder jeweils um seinen (eigenen) Lebensstandard halbwegs zu erhalten.
Sie bemerkte überhaupt nicht, dass der Strom so langsam verebbte. ...*
Das Pärchen hatte aufgehört, ständig Stöckchen zu werfen und nun schlenderten die drei Wesen ziellos über den kaputten Rasen. Wie konnten sie sich bloß bei diesem Juniwetter vergnügen? Sie taten fast so, als wäre es in irgendeiner Weise romantisch. Sie beschleunigte ihren Schritt. Ihre Zehen fingen langsam an einzufrieren, deshalb musste sie sich zumindest so ein bisschen Wärme verschaffen.
*In einem plötzlichen Erahnen ließ sie ihren Blick über des Feld schweifen. Bis auf das Pärchen mit dem Hund und ihr selbst war es vollkommen (menschen-) leer. Kein anderer Mensch weit und breit. Sie bemerkte, wie ruhig es eigentlich geworden war . Die bedrückende Stille schien fast Gestalt anzunehmen. Es fehlt einfach etwas, dachte sie. Nocheinmal beschleunigte sie ihren Schritt. Ruckartig hob sie den Kopf. (Und) Als würde sie dort fündig werden, suchten ihre Augen den Himmel ab.
Scharf hing der Mond frei in dem kalten Blau des Himmels. Obwohl er wunderbar erhaben leuchtete und eine herrliche Ruhe ausstrahlte, schien er ihr allein und abgeschnitten von der restlichen Welt. Sie spürte förmlich die Entfernung, die zwischen ihnen lag. Eine ganze Weile blickte sie gebannt* in den Himmel.
Langsam senkte sie die Augen wieder. Sie hatte das Ende des Parks erreicht und musste nun ein Gestänge aus Röhren umkurven, um auf den ?Voßberglaufweg?* zu gelangen.
Der Weg war fast ausgestorben. Auf dem Tartanpflaster* waren nur noch vereinzelte Läufer unterwegs. Es war nicht zu vergleichen mit den großen Hauptlaufwegen in der Innenstadt, auf denen zu jeder Tageszeit großes Treiben herrschte.
Ohne inne zu halten lief sie weiter. Einzelne Weglaternen leuchteten schon, einige andere gingen gerade an. Viele Fenster waren hell erleuchtet. Jene, die ohne Vorhänge einen Blick freigaben, zogen sie geradezu magisch an. Sie musste jedes Mal hineingucken, ohne wirklich zu registrieren, was darin geschah.
Den wenigen Menschen, die an ihr vorbeikamen, schenkte sie keine Beachtung. Vielmehr blickte sie geradewegs durch sie hindurch.
Sie war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ein stechender* Schmerz hing ihr in der Brust(/im/durch das Herz). Er füllte sie komplett aus, so dass sie die Welt um sich herum fast vergaß. Nur die Kälte ließ sie hin und wieder bewusst aufschauen. Ansonsten* lief sie nahezu blind nach Hause.*
Ein blauer H-wagen* fuhr gerade an ihr vorbei. Sie schaute ihm kurz hinterher. ?Bonze?, durchzuckte sie ein kleiner, wütender Gedanke. (Es fuhren nur die wirklich reichen Manager und die Minister Auto. Sonst konnte sich kein Bürger ein Auto leisten, weil nur schadstofffreie Sparautos erlaubt waren. Außerdem kam man mit dem Auto eh kaum durch die Laufwege, und wieso sollte man auch nicht laufen ? schließlich war es doch Trend und dazu auch noch gesund. Na ja, die Leute brauchen halt ihre Zeit, bis sie sich daran gewöhnt haben und es nicht mehr so toll finden.*)
*Ein Licht blendete sie plötzlich. Sie kam an einer Imbißbude vorbei. ?International-Spezial? prangte ... . Es waren noch ein paar Gäste da, die .... .
?Hey, hast du vielleicht Feuer?!?, plötzlich sprach sie einer der Passanten an.
?Nein?, schroff war ihre Antwort. Sie wäre einfach vorbeigegangen, hätte der Unbekannte es nicht weiter versucht. ?Ähm, Daniel! Darf ich dich zu etwas* einladen?!?
?Nein, Danke!?, Sie blieb endlich kurz im Laufen stehen und sah sich zum ersten Mal ihren Bewerber* wirklich an. Schon eilte* sie wieder weiter. Eigentlich schien er schon in ihrem Alter zu sein.
?Sie sollten nicht so viel in die Sterne schauen!? , sagte er noch, ?Die sind viel zu weit weg.? Und er rief ihr schon fast nach: ?Minus elf Grad Südwest-Mond, nicht wahr?!? Im Laufen drehte sie sich noch einmal kurz um, stampfte aber stur den Weg* entlang(/weiter).
(Sie grübelte über die Worte nach.) Er hatte (damit) verdammt noch mal recht. Ihre Brust zog sich noch weiter zusammen. Sie musste schlucken, aber der Kloß in ihrem Hals ließ es* nicht zu. ...*
Der Schlüssel knirschte im Schloss. Sie seufzte schwer. Sie hätte sich jetzt am Liebsten* ins Bett verzogen,* aber sie musste noch (ein Bisschen) arbeiten. ...* Sie fuhr den Computer hoch und legte daraufhin ihre Sachen im Flur ab und zog ihren Laufanzug aus. In der Küche machte sie sich schallend* noch ein Wasserglas, das sie zum Computer mitnahm. Jetzt musste nurnoch das Radio aufgedreht werden und dann konnte sie mit der Arbeit fortfahren. Einen Moment hielt sie noch inne.
?... Mit müden Augen ganz staubig und scheu, Ich bin hier oben auf meiner Wolke, Ich seh dich kommen, aber du gehst vorbei ...", erklang es leise aus dem Radio.
Sie starrte auf den Monitor. Es viel ihr schwer, sich zu konzentrieren. Mit einem Kraftakt* schaffte sie zu schlucken.
((Sie musste nocheinmal an die Worte des Mannes* denken.) Doch schnell verdrängte sie ihre Gedanken wieder. Die Arbeit wartete.
Doch richtig konzentrieren konnte sie sich nicht mehr an dem Abend.)
) SF-XS-Story, Winter 01/02 (